HERMANN NITSCH

das 6 tage dauernde spiel des o. m. theaters soll das grösste und wichtigste fest der menschen werden (es ist ästhetisches ritual der existenzverherrlichung). es ist gleichzeitig volksfest und zu bewusstsein gebrachtes mysterium der existenz. das fest des o. m. theaters hat keinen anderen vorwand als die seinsmystische verherrlichung unseres hierseins. das fest treibt in richtung zu einem durch den menschen zu sich selbst kommenden sein.

das zum fest gewordene drama enthält sich in keiner weise des ursprünglich dramatischen der alten tragödie, im gegenteil, das drama wird zu seinem wesen geführt. das fest fordert eine bewusstheit, das bis tief zur annahme unserer tragischen wirklichkeit führt. die welt als ganzes soll angenommen werden mit allen extremen, ihren glücksmöglichkeiten, gräßlichkeiten und der grausamkeit des todes. das scheitern, das leid, das tragische, das opfer, die sado-masochistische grausamkeit kann als plötzlich einbrechendes absurdes hindernis des schöpferischen angesehen werden, das schöpferische ist seinem wesen nach mit überwinden, abstossen und beseitigen von hindernissen verbunden. lebendige entfaltung, sich erweiternder lebensaufwand, stößt auf naturgegebene hindernisse und bringt leid und schmerz, fordert zum schmerzvermischten glück der überwindung auf. der mythos von tod und auferstehung bietet sich als gleichnis des schöpferischen an, die analytische technik des spieles verhilft uns dazu, uns totaler, rücksichtloser und umfänglicher zu begreifen bis tief hinein in die uns normalerweise unbekannte wirklichkeit unserer triebhaftigkeit. verdrängte bereiche werden aufgestöbert und ausgelebt. das bewusstsein schleicht und drängt zu den gründen der energetik, sensibelste augenblicke der registration von geniessender lust werden dem bewusstsein erschlossen. einem wesentlichen impuls, der die menscheit und das spezifische des dramas bestimmt, wird rechnung getragen. das bedürfnis nach abreaktion wird bewusst gemacht und erfüllt. das drama zu seinem wesen gekommen ist katharisis-therapie, ist der psychoanalyse vergleichbar, nur dass der analytische prozess, in diesem fall der dramatische prozess, einer ästhetischen verwertung zugänglich ist. es werden sich steigernde aktionen eingesetzt, die vorerst elementare, intensive sinnliche empfindungen fordern und später zu einem orgiastischen, sado-masochistischen ausreagieren der akteure und zuschauer führen. das assoziieren der klassischen psychoanalyse ersetzen im o.m.theater, die durch aktionen bewirkten sinnlichen sensationen, welche nach überwindung der zensuren enthemmen und berauschen, die aktionen mit rohem fleisch, feuchten leibwarmen gedärmen, blutigem kot, schlachtwarmem blut, lauem wasser usw. bewirken regressionen in richtung zur analsinnlichkeit. die freude am plantschen, spritzen, schütten, beschmieren, besudeln steigert sich zur freude am zerreissen des rohen fleisches, der freude am herumtrampeln auf den gedärmen. die dionysische zerreissungssituation zeigt sich (der zerrissene abreaktionsgott dionysos gelangt ins assoziationsfeld). das dramatische wühlt sich in die freude an der grausamkeit. das chaos, ein orgiastischer rausch, bricht über uns herein. die intensität des erlebens lässt eine mystik der agression und grausamkeit entstehen. der dramatische effekt wird als ästhetischer rausch des zuschauers bzw. spielteilnehmers begriffen. hölderlins auffassung des tragischen wird hier wichtig, wenn er sieht, dass im zorn die naturmacht und des menschen innerstes „grenzenlos eins“ wird und dass die darstellung des tragischen darauf hinausführt, zu übermitteln, “ wie der gott und mensch sich paart“.

längst gestautes löst sich, verdrängtes wird anschaubar, der endpunkt der abreaktion, der sadomasochistische exzess wird erreicht. die innerhalb des spieles ästhetisch sich verwertende abreaktion macht die ursache von individuellen neurosen bewusst. die kollektiv-neurotische bedingtheit von sado-masochistischen opfermythen erklärt sich.

mit dem bewusstmachenden rausch der abreaktion (dem endpunkt der abreaktion ) ist der leben gewordene dramatische effekt auf seinen höhepunkt gebracht, etwas, das der katastrophe des klassischen dramas gleich ist, ist erreicht. nur dass die katastrophe im fall des o. m. theaters durch die neutralisierte ästhetische bewusst- und anschaubarmachung des verdrängten, durch weitgehende katharsis von der tragischen ausweglosigkeit des antiken dramas befreit wird. der gesamte lebensablauf wird zum mystischen erlebnis verdichtet. die rauschhafte intensität des existierens muß sich auf alle daseinsgebiete über das alltägliche leben ausbreiten. eine heiter bewältigte welt soll anlass geben, dass wir uns ausgeglichen in alle genussmöglichkeiten versenken. alle sinne müssen sich intensivieren und sensiblisieren. die äusserste sublimierung des exzessiven ist die sich in uns ausbreitende aufwallung der stark gefühlten lebendigkeit zum heiteren rauch des zustandes der altruistischen liebe. liebe nicht als gebot begriffen, sondern als zustand, als hochzustand des existierens, als seinszustand. auf das ganze leben ausgebreitete seinsmystik ist liebe.

Hermann Nitsch



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1938 geboren in Wien

1957 Idee des Orgien-Mysterien-Theaters, eines sechs Tage dauernden Festspieles, das ihn bis heute ständig beschäftigt und in dem sich alle seine künstlerischen Bestrebungen sammeln.
Das O.M. Theater ist eine neue Form eines Gesamtkunstwerkes. Reale Geschehnisse werden inszeniert. Alle fünf Sinne der Spielteilnehmer werden direkt beansprucht.

1960-66 Aktions- und Ausstellungstätigkeiten in Wien, die zu mehreren Prozessen und zu drei Gefängnisstrafen führen, weshalb er Österreich verlässt und bis 1978 in Deutschland lebt.

1966 The Destruction in Art Symposium (DIAS), London; 20. Aktion, Wien

1968 25. und 26. Aktion im Cinematheque, New York; 28. Aktion in der University of Cincinnati;
wird in Bayern (München) ansässig, Heirat mit Beate König

1971 Ankauf von Schloss Prinzendorf (Austragungsort des O.M.-Theaters)

1972 Teilnahme an der von Harald Szeemann gestalteten documenta 5 in Kassel, die erste 12-Stunden-Aktion (40. Aktion) im New Yorker Mercer Arts Center

1974 50. Aktion: 24-Stunden Aktion in Prinzendorf

1977 Beate Nitsch verunglückt bei einem Verkehrsunfall

1982 erneute Teilnahme an der documenta 7 in Kassel

1983 Ausstellung:Stedelijk Van Abbemuseum, Eindhoven

1984 80. Aktion: 3-Tage-Spiel in Prinzendorf

1984-1993 Realisiert er sein großes Grafikwerk :"Die Architektur des Orgien Mysterien Theaters" herausgegeben von Galerie Fred Jahn, München

1986 Ausstellungen: Sala Pablo Ruiz Picasso, Madrid; Rupertinum, Salzburg; Sezession, Wien; PAC, Mailand; Renaissance Society at the University, Chicago; Städtische Galerie im Lenbachhaus, München

1987 20. Malaktion in der Wiener Secession, Villa Pignatelli, Neapel

1988 Heirat mit Rita Leitenbor, Ausstellung: Städtische Galerie im Lenbachhaus, München; Teilnahme an der Sydney Biennale

1989 Museum des 20. Jahrunderts, Wien; Kunstverein, Salzburg; Luhring & Augustine, N.Y.

1989-2003 Lehrt an der Hochschule für Bildende Kunst (Städelschule) in Frankfurt am Main

1990 Uraufführung der 8. Symphonie, Museum für angewandte Kunst, Wien; Gemeentemuseum, Den Haag; Museum der Moderne Salzburg; Nationalgalerie Prag; Kunsthalle Krems; Martin-Gropius-Bau, Berlin

1991 Ausstellungen: Galleria Civica di arte Contemporanea, Trient; St. Petri, Lübeck; Festspielhaus Bregenz; Traklhaus, Salzburg

1992 Ausstellung: Pabellòn de las Artes, Sevilla

1993 Ausstellungen: Nationalgalerie, Prag; Neues Museum Weserburg, Bremen;

1994 Ausstellungen: Kunsthalle, Krems; Reiffeisenhalle, Frankfurt; Casina Vanvitelliana, Fusaro (Neapel); Kärntner Landesmuseum, Klagenfurt

1995 Ausstattung und Regiebeteiligung bei der Inszenierung der Oper „Hérodiade“ von Jules Massenet an der Wiener Staatsoper; Künstlerhaus, Wien; Trinitatiskirche, Köln

1996 96. Aktion in San Martino, Fondazione Morra, Neapel; 38. Malaktion im Schömerhaus, Klosterneuburg; Ausstellungen: Museum Moderner Kunst Stiftung Wörlen,Passau; Palazzo delle Esposizioni, Rom; Centre d´exposicions i documentació de l´Art Contemporani, Casa Solleric, Palma de Mallorca

1997 40. Malaktion, Museum des 20. Jahrhunderts, Wien; Ausstellung: Kunsthallen Göteborg; Musee´ d´Art et d´Historie, Luxenburg; Neue Galerie, Linz; Kunstraum, Innsbruck

1998 6-Tage-Spiel in Prinzendorf vom 3. bis 9. August; The Island Symphony; Ausstellungen:Kulturhaus, Weiz; MOCA, Los Angeles; MAK, Wien; MACBA, Barcelona; Museum of Contemporary Art, Tokyo

1999 Ausstellung der Relikte des 6-Tage-Spieles im Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig, Palais Liechtenstein, Wien und Kiscelli Museum, Budapest

2000 Ständiges Arbeiten am Projekt des O. M. Theaters. Erweiterung des malerischen und theatralen Konzeptes. Ausstellung: Palazzo Stelline, Mailand

2001 Gesamtausstattung der Oper „Satyagraha“ von Philip Glass am Festspielhaus St. Pölten; 107. Aktion Schloss Prinzendorf; Ausstellungen: Österreichische Galerie Oberes Belvedere, Wien; Hamburgerbahnhof, Berlin

2002 110. Lehraktion in der Whitechapel Art Gallery, London; Ausstellungen: Fondazione Morra, Neapel; Kulturhaus, Bruck an der Mur; Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig,Wien; Museum der Moderne, Salzburg

2003 Ausstellungen: "Nitsch. Eine Retrospektive", Essl Museum und 115. Aktion in der Sammlung Essl, Klosterneuburg; Haus der Musik, Wien; Traklhaus, Salzburg

2004 120. Aktion: 2-Tage-Spiel des O.M.Theaters in Prinzendorf; Ausstellungen: Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig, Wien; MUMOK, Wien; Brucknerhaus, Linz; grafische Sammlung in Städelmuseum, Frankfurt; Haus der Musik, Wien

2005 122. Aktion im Burgtheater, Wien; Ausstellungen: Saatchi & Saatchi, London; Station Museum of Contemporary Art, Houston; Neue Galerie, Graz; Slought Foundation, Philadelphia; NÖ Dokumentationszentrum für Moderne Kunst, St. Pölten; MARCO, Mexico; Verleihung des großen Österreichischen Staatspreises

2006 Ausstellungen: „Große Retrospektive“, Martin-Gropius Bau, Berlin; Galerie Alexander Ochs,Peking ; Mike Weiss Gallery, New York; Galerie Yamamoto Gendai, Tokyo

2007 Eröffnung des Hermann Nitsch Museums in Mistelbach; Opernhaus Zürich, Bühnenbild und Kostüme für Szenen aus Goethes Faust (Robert Schumann); Ausstellungen: NÖ Landesmuseum, St. Pölten; Fondazione Morra, Neapel; Künstlerhaus, Wien

2008 55. Malaktion während die Eröffnung des Museo Nitsch in Neapel mit ständiger Ausstellung des Orgien-Mysterien-Theaters, Ausstellung: „20. Malaktion", Hermann Nitsch Museum, Mistelbach; Triennale, Yokohama; Verleihung des Titel Dr.h.c. von der Universität Cluj - Rumänien

2009 Uraufführung der Ägyptischen Symphonie im Hermann Nitsch Museum Mistelbach; Erscheinung des Buches "Das Sein"; Gründung der Nitsch-Foundation; Austellungen: 56. Malaktion (Kathedrale der Farben) im Hermann Nitsch Museum Mistelbach; Künstlerhaus, Wien; Kavernen, Salzburg; De Pont Museum, Tilburg; GAM, Turin;

2010 130. Aktion zum Pfingstfest, Museo Nitsch, Neapel; Ausstellungen: Meisterwerke der Sammlung Duerckheim im Hermann Nitsch Museum Mistelbach; Musée d'Art Moderne,St.Etienne; Stella Art Foundation, Moskau; Buchprojekt Levitikus, Israel

2011Ausstattung und Regie der Oper „San Francois d`Assise“ von Olivier Messiaen an der Bayerische Staatsoper, München; 60. Malaktion in der Mike Weiss Gallery, New York; 131. Lehraktion bei Leo Koenig Inc., New York; Orgelkonzert im Mozarteum, Salzburg; Ausstellungen: „Bloodlines“ MCA, Denver; „Strukturen“ Leopold Museum, Wien; „Eroi“ im Galleria d'Arte Moderna, Turin; „Personal Structures“ im Rahmen der 54. Biennale di Venezia

2012 Ausstellungen: „Utopie Gesamtkunstwerk“ 21er Haus, Wien; 5 Jahre Hermann Nitsch Museum, Mistelbach; „Explosion: Painting As Action“ Moderna Museet, Stockholm; „Hermann Nitsch Personale“ Museum Moderner Kunst Kärnten, Klagenfurt; In Vivo Hermann Nitsch, Centre Pompidou, Paris; „Explosion: Painting as Action“ Fondacio Joan Miro, Barcelona; „A Bigger Splash: Painting after Performance Art“ Tate Modern, London; 135. Aktion Havanna, Kuba; 64. Malaktion, Museo di arte moderna e contemporanea di trento, Rovereto

2013 3-Tage-Spiel, Leipzig; 55. Biennale di Venezia; Ausstellungen: „Flesh and Blood“ Museum on the Seam, Israel; „Faces“ Ernst Museum, Budapest; „About Caravaggio“ Scuderie Aldobrandini – Museo Tuscolano, Frascati bei Rom; „SINNE UND SEIN Retrospektive” nitsch museum, Mistelbach

 

 

 

Werke von Hermann Nitsch befinden sich u. a. in folgenden Museen und Sammlungen:

 

Museum of Modern Art, New York; Guggenheim Collection, New York; Metropolitan Museum, New York; Museum University of Yale; Walker Art Center, Minneapolis; Busch-Reisinger Museum, Harvard University, Cambridge; Saint Louis Art Museum, St. Louis, Missouri; Gallery of Ontario, Toronto; Tate Gallery, London; Centre Georges Pompidou, Paris; Stedelijk van Abbe Museum, Eindhoven; Stedelijk Museum, Amsterdam; Castello di Rivoli, Turin; Museo Capodimonte, Neapel; Galleria d’arte moderna, Bologna; Mart, Trento; Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf; Museum Ludwig, Köln; Nationalgalerie Berlin; Lenbachhaus, München; Nationalgalerie München; Graphische Sammlung, München; Staatsgalerie Stuttgart; Kunsthalle Hamburg; Museum Neue Galerie, Saarbrücken; Schloss Morsbroich, Leverkusen; Kunstmuseum Bern; Kunstmuseum Winterthur; Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig, Wien; Wolfgang Gurlitt Museum, Linz; Rupertinum, Salzburg; Ferdinandeum, Innsbruck; Sammlung Essl, Klosterneuburg; Hudson Valley Center for Contemporary Art; Mar, Museo d’arte di Ravenna, Tang Teaching Museum and Art Gallery at Skidmore College, New York.