WENDELIN PRESSL „Das Abbild des Eigentlichen"

(hier wahlweise Zitat von Michel Foucault über Ausschlussmechanismen, Überwachung, Strafen, Heterotypie oder ähnliches einfügen)

Für seine Einzelausstellung „Das Abbild des Eigentlichen” hat Wendelin Pressl rund 30 Laserprints von Ausschnitten aus unterschiedlichen Gebrauchsanweisungen mit Tusche überarbeitet. Wir sehen allerhand Beschriftungsstriche und Nummerierungen. Er scheint Abläufe zu nummerieren, die es womöglich gar nicht geben kann oder darf, aber auch jene, die es gibt, die aber meistens unkommentiert bleiben. Er bildet ja auch das Eigentliche ab. Und eben nicht das Uneigentliche - ein Wort, das es so gar nicht wirklich gibt. Bei Wendelin Pressl gibt es so einiges, das es eben gibt, wir aber vielleicht noch nie bewusst beobachtet haben, oder längst vergessen, dass es das überhaupt je gab. Seine Serie Product Features illustriert sowohl unser Unvermögen mit der dinglichen Welt, als auch das Unvermögen der Dinge mit uns. Längst haben sich smart gadgets bereits an unser Unvermögen angepasst und gleichen all unsere Fehler und Probleme geschickt aus. Dennoch scheinen sie mit dieser unendlichen Inkompetenz heillos überfordert. 

(hier Zitat von Sigmund Freud über Prothesengottheiten und/oder eine Arbeit von Franz West einfügen)

Das eigene Ohr, die eigene Schulter oder gleich das ganze Abbild im Universum. Grundsätzlich sollten das für uns keine erstaunlichen Ein- und Ausblicke mehr darstellen, ist unser transparentes Selbst doch längst ins Metaverse übersetzt worden, 3-D reproduzierbar und auf ewig konserviert. Ist das womöglich ein Trugschluss? Die totale Übersicht gar nicht so übersichtlich? Der Antikommunikator ist mal grundsätzlich eine Kommunikationsverstärkung. Auge sieht Ohr, Ohr hört Auge. Alles andere wird ausgeblendet, weggeschnitten. Eine Art Maximal-Selfie. Oder Minimal eben. Ohr und Auge können natürlich in dem uns vorstellbaren Sinnessystem nicht miteinander kommunizieren. Augen können nicht lautlich sprechen, Ohren nicht sehen. Es sind zwei Akteurinnen, die in einer Dauerschleife sich gegenseitig ausgesetzt werden. Ohne es zu wissen. Zwei Akteure, die beständig senden, aber keine Empfänger finden. Eine allzu nüchterne Parabel auf unser aller soziales Verhalten mit der Welt. Der Antikommunikator besteht aus Kartonrohr, ist jedoch in Form eines beinahe antiken Telefonhörers realisiert. Er ist im wahrsten Sinne anachronistisch. Einerseits bietet er eine hermetische Entschleunigung der analogen Welt von „früher”, gleichzeitig bringt er zeitgenössische self-care, ego-wellness und Abdriften in die eigene filter bubble auf den Punkt. Er könnte genauso gut ein smartphone zum ewigen Scrollen und Wischen sein. Nur dann würde er eben nicht zum Bedienen und Ausprobieren anregen, sondern wäre links liegen gelassen. 

(Illustration des Kommunikationsmodells von Friedemann Schulz von Thun hier einfügen) 

Wer mehr sehen möchte, als das eigene Ohr, nämlich alles, sollte den Blick nach oben richten. Dort ist eine kleine Unterstützung zur totalen Überwachung installiert. Wendelin Pressls Beobachtungshilfe! besteht aus einem Spiegel auf Gelenkverbindungen, der in beinahe jede beliebige Richtung und Position gedreht und gewendet werden kann. Die großen Fragen richten sich nun an uns. Wollen wir damit nur beobachten oder überwachen und fühlen wir uns dabei eigentlich sicher? Wer schräg in einen Spiegel blickt, könnte nämlich durchaus von einem Gegenblick überrascht werden. Wer beobachtet, wir höchstwahrscheinlich selbst beobachtet, wer überwacht, wird immer noch von jemand anderen beschattet und wer sich voll Macht wähnt, hat meistens bereits verloren. 

(eine Abbildung von Narziss, der seinem eigenen Spiegelbild verfällt hier einfügen)

Wendelin Pressls Egozentrisches Weltbild, eine fiktive Zeichnung des Nachthimmels mit Permanentmarker auf Papier, verdeutlich dann endlich, um was es eigentlich geht: um uns selbst. Und nur um uns. Durch eine Beleuchtung oberhalb der verglasten Oberfläche spiegelt man sich im Universum. Der Universumshintergrund ist ein beliebter Filter bei Videokonferenzen und längst keine Allmachtsphantasie mehr von ein paar wenigen Milliardären, die sich den Weltraum untertan machen möchten. Er dient als unendlicher Projektionsraum für uns selbst und unsereins und der Möglichkeit, dass wir womöglich all unsere irdischen Fehler irgendwo da draußen wieder gut- oder rückgängig machen können. Ein Trugschluss, denn den Himmel finden wir wohl oder übel doch nur auf Erden. Und sei es auch nur in unserem eigenen Ohr. 

– Markus Waitschacher